pH-Wert, Säureschutzmantel und Naturseife

pH-Wert, Säureschutzmantel und Naturseife

Von Justine Spalik

pH-Wert, Säureschutzmantel und Naturseife

Immer wieder heißt es: „Seife ist alkalisch – also schädlich für den Säureschutzmantel der Haut." Doch bei genauerem Hinsehen ist die Sache komplexer. Dieser Artikel räumt mit Missverständnissen auf und erklärt, warum eine gut überfettete Naturseife für gesunde Haut keineswegs problematisch ist. 

Was ist der Säureschutzmantel?

Der Säureschutzmantel (acid mantle) ist ein dünner, leicht saurer Film auf der Hautoberfläche mit einem pH-Wert von etwa 4,5–5,5. Er besteht nicht nur aus „Säure", sondern ist ein komplexes Zusammenspiel aus:

  • Sebum (Hauttalg)

  • Schweiß (Lactat, Aminosäuren)

  • Natural Moisturizing Factor (NMF) – eine Mischung wasserlöslicher Substanzen die als natürliche Feuchthaltefaktoren und pH-Regulatoren fungieren

  • Mikrobielle Metaboliten (Stoffwechselprodukte von Mikroorganismen) der natürlichen Hautflora

Streng genommen gehört der NMF nicht zum Säureschutzmantel; beide gehen jedoch Hand in Hand.

Entscheidend: Der Säureschutzmantel ist kein fragiles Konstrukt. Er ist ein dynamisches, selbstregulierendes System mit beachtlicher Pufferkapazität. Die Haut wird täglich durch Wasser, Schweiß und Umwelteinflüsse kurzzeitig beeinflusst – und stellt ihren sauren pH zuverlässig wieder her. 

Warum ist der saure pH so wichtig? Er hält die hauteigenen Reparaturprozesse in Gang und kontrolliert die geordnete Zellerneuerung. Er schützt die Haut zudem vor äußeren Umwelteinflüssen und Mikroorganismen. Wird er vorübergehend angehoben – etwa durch Waschen mit oder ohne Seife/Syndet – läuft die Wiederherstellung bei gesunder Haut automatisch ab.

Was sagt der pH-Wert eigentlich aus?

Der pH-Wert gibt an, ob eine wässrige Lösung sauer (unter 7), neutral (7) oder alkalisch/basisch (über 7) ist. Das H steht dabei für Wasserstoffion und das kleine p für Potential/Kraft. Das bedeutet: Je höher die H⁺-Konzentration, desto kleiner wird der pH-Wert (sauer). Je niedriger die H⁺-Konzentration, desto größer wird der pH-Wert (alkalisch).

Der pH-Wert beschreibt immer eine wässrige Lösung– also etwas, das in Wasser gelöst ist. Ohne Wasser gibt es keine freien Wasserstoffionen und damit auch keinen messbaren pH-Wert. Ein fester Gegenstand (wie ein Stück Seife oder ein Stein) hat keinen pH-Wert. Erst wenn etwas ihn in Wasser gelöst wird, kann etwas gemessen werden.

Unser Körper hat verschiedene Bereiche haben ganz unterschiedliche pH-Werte, je nachdem, welche Aufgabe sie erfüllen.

Eine alleinige Fixierung auf den pH-Wert greift daher zu kurz – und wird leider oft aus marketingstrategischen Gründen genutzt. Das DocCheck Flexikon weist selbst darauf hin, dass das Konzept des „sauren Schutzmantels“ marketingstrategisch überhöht wird – nicht zuletzt, um „pH-freundliche“ Produkte zu positionieren

Was der pH-Wert eines Reinigungsprodukts nicht aussagt

Wir kommen täglich mit den unterschiedlichsten Substanzen in Berührung: Leitungswasser (pH 6–8,5), Kaffee (pH 5), Reinigungsmittel (mal sauer, mal alkalisch) – und natürlich Seife. Jede Substanz beeinflusst unsere Hautoberfläche kurzzeitig. Der Mythos, Naturseife schädige den Säureschutzmantel, hält sich hartnäckig. Ich sage nicht, dass jeder Naturseife nutzen muss. Jeder, wie er mag. Aber der pauschale Claim „Naturseife macht die Haut kaputt“ – den kann ich nicht stehen lassen.

Der pH-Wert allein sagt erstaunlich wenig über die tatsächliche Hautverträglichkeit eines Reinigers aus. Neben dem pH Wert spielen mehrere Faktoren eine entscheidende Rolle – und die werden in der öffentlichen Diskussion oft übersehen. Wie z.B. die Frage nach der Art der Tenside: Wie aggressiv löst das Produkt Hautfette? Wie steht es das Rückstandsverhalten (Substantivität): Bleibt das Tensid auf der Haut oder wird es abgespült? Verfügt das Produkt über Rückfettung? Sprich, hinterläßt es schützende Lipide? Unterstützt es die Feuchtigkeitsbindung durch z.B. enthaltenes Glycerin? Und die Frage nach der individuellen Hautbeschaffenheit: Gesunde vs. geschädigte Hautbarriere.

Das Problem vieler Studien: Seife ist nicht gleich Seife

Viele Studien sprechen pauschal von „Seife", ohne die Art der Seife zu definieren.

Die meisten Studien, die als Beleg gegen Natureife herangezogen werden, haben Kernseife oder generische „alkalische Seife" getestet. Hieraus lässt sich leicht eine Argumentation gegen Naturseife ableiten: Naturseifen sind aufgrund ihres höheren PH Wertes schädlich für die Haut und dass die PH ausgeglichenen Reinigungsmittel die bessere Wahl seien.

Aber so einfach ist es nicht. Denn Seife ist nicht gleich Seife:

  • Kernseife pH 8,5 - 10,5, entfettet, kein Glycerin

  • Überfettete Naturseife pH 8–9 enthält natürliches Glycerin und freie Lipide

  • Synthetische Detergenzien (Syndet) pH 5,5–7, ist Glycerin vorhanden oder nicht, Überfettung variabel, welche Tenside und zusätze sind enthalten?

Die Ergebnisse der jeweiligen Studien lassen sich daher nicht pauschal auf überfettete Naturseifen übertragen. Studien, die explizit überfettete Naturseifen (mit Glycerin und Überfettung) untersuchen, sind daher differenziert zu betrachten.

Der pH-Wert steigt an – aber nur vorübergehend

Die Moldovan & Nanu-Studie (2010) untersuchte explizit eine überfettete Seife und kam zu folgendem Ergebnis:

„Die Veränderungen der Hautparameter nach der einmaligen Anwendung von Reinigungsprodukten sind reversibel, und im Falle einer gesunden Haut kehren sie etwa 90 Minuten nach dem Waschen zu den Normalwerten zurück" — Moldovan & Nanu (2010), Farmacia, 58(1), S. 36

Bei gesunder Haut ist die pH-Regeneration nach Verwendung einer gut überfetteten Naturseife innerhalb von 30 bis 90 Minuten abgeschlossen. Der Säureschutzmantel wird vorübergehend beeinflusst, aber nicht dauerhaft geschädigt. Die überschüssigen Öle aus der Überfettung helfen der Haut, den pH-Wert schneller zu regulieren.

Ohne Überfettung braucht die Haut länger, weil ihr die natürlichen Fettsäuren fehlen, um den alkalischen "Schock" abzufedern. Der pH-Wert allein ist daher kein verlässlicher Indikator für Hautverträglichkeit. Ein Produkt mit pH 5,5 kann hautschädigender sein als eines mit pH 8–9.

Eine weitere Studie (Takagi et al. (2015)) verglich zwei Gruppen: eine Gruppe, die über fünf Jahre ein seifenbasiertes Reinigungsprodukt mit einem alkalischen PH Wert verwendet hatte, und eine Gruppe, die über denselben Zeitraum einen mild-sauren Reiniger (pH 5,5) genutzt hatte.

Die Messungen des Haut-PH vor der Reinigung, unmittelbar danach und über sechs Stunden hinweg zeigten keine signifikanten Unterschiede zwischen den beiden Gruppen. Die Autoren schlussfolgern: Die langjährige kontinuierliche Verwendung von Seife beeinträchtigt den pH-Erhaltungsmechanismus der menschlichen Haut nicht. 

Bedeutung für den Säureschutzmantel: Ein intakter pH-Erhaltungsmechanismus bedeutet, dass der Säureschutzmantel auch nach langjähriger Seifennutzung voll funktionsfähig bleibt. Die kurzfristige pH-Anhebung nach dem Waschen wird von gesunder Haut zuverlässig kompensiert.

Mildheit ist mehr als ein niedriger pH-Wert: Die Rolle der Substantivität

Hier liegt der eigentlich entscheidende Punkt, der in der pH-Debatte fast nie erwähnt wird: Substantivität bezeichnet die Fähigkeit eines Tensids, auf oder in der Haut zu verbleiben, nachdem das Produkt abgespült wurde.

Sulfat-Tenside wie SLS (Sodium Lauryl Sulfat) oder SLES (Sodium Laureth Sulfat) weisen eine sehr hohe Substantivität auf. Ihre kleinen Moleküle dringen leicht in die oberste Hautschicht ein und binden elektrostatisch an die Keratin-Proteine der Hornschicht. Diese Bindung ist persistent – die Tenside lassen sich auch bei gründlichem Spülen nicht vollständig entfernen. Dies erklärt das hohe Reizpotenzial dieser in vielen konventionellen Reinigern eingesetzten Tenside.

Überfettete Naturseife(pH 8–9): Die Fettsäuresalze (Tenside) werden rückstandsfrei abgespült. Die überschüssigen Lipide bleiben als pflegender Film auf der Haut zurück.

SCI (Sodium Cocoyl Isethionat), ein mildes synthetisches Tensid, zeigt eine geringe Substantivität. SCI-Mizellen sind größer als die Poren der Haut. Sie können daher nicht in die Haut eindringen, bleiben oberflächlich und werden abgespült. Dies macht SCI zu einem der mildesten Tenside überhaupt.

Die geringste Substantivität weisen Zuckertenside (APGs) auf wie z.B. Coco Glucoside. Diese nichtionischen Tenside besitzen eine große hydrophile Kopfgruppe, die kaum Affinität zur Haut hat. Sie lösen Schmutz sanft von der Oberfläche, ohne selbst an der Haut zu haften – und hinterlassen weder Reizpotenzial noch Rückstände.

Zusammengefasst: Die Substantivität eines Tensids entscheidet maßgeblich darüber, ob es die Haut nur reinigt oder ob es sie zusätzlich belastet. Während aggressive Sulfat-Tenside auf der Haut verbleiben und die Barriere schwächen können, ermöglichen milde Alternativen wie SCI oder Zuckertenside eine gründliche Reinigung ohne unerwünschte Rückstände – ein entscheidender Vorteil für die langfristige Hautgesundheit.

Die Fixierung auf den pH-Wert als alleinigen Qualitätsindikator ist – wissenschaftlich betrachtet – eine Vereinfachung. Sie wird teils von Herstellern synthetischer Syndets genutzt, um die eigene Produktpalette zu differenzieren. Die Mijaljica-Studie (2022) stellt klar: Die Gesamtformulierung entscheidet, nicht ein einzelner Parameter.

Das heißt nicht, dass der Säureschutzmantel irrelevant ist. Es heißt: Ein vorübergehender pH-Anstieg macht eine gut überfettete Naturseife nicht zu einem schlechten Produkt. Entscheidend sind das Gesamtpaket aus Tensidart, Überfettung, Glycerin, Rückstandsverhalten und individueller Hautverträglichkeit.

Fazit:

Der pH-Wert allein ist kein verlässlicher Indikator für Hautverträglichkeit. Ein Produkt mit pH 5,5 kann hautschädigender sein als eines mit pH 8–9 – wenn es aggressive Tenside enthält, die auf der Haut verbleiben.

Und: Wer mit mehr als 38°C heißem Wasser und einem rauen Waschlappen schrubbt, schädigt seine Haut unabhängig davon, ob ein Syndet oder eine Naturseife verwendet wird. Die sanfteste Seife der Welt kann die Folgen aggressiver Waschtechnik gepaart mit zu heißem Wasser nicht kompensieren.

Du möchtest wissen, welche Naturseife zu deiner Haut passt? Entdecke unsere überfetteten Naturseifen – formuliert ohne Kompromisse. Zu den Naturseifen 

0 Kommentare

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Bitte beachten Sie, dass Kommentare vor der Veröffentlichung freigegeben werden müssen